Lebenswerke
 

Grossvater Armando Biondi (Väterlicherseits)

 

 

Grossvater
Armando Biondi  / Toscana
(Secondo, 1907 im Alter von 5 Jahren in die CH gekommen)

Mein Grossvater Armando wuchs in Dietikon auf, ging dort zur Schule und schloss eine Lehre als Maurer erfolgreich ab. Nach der Lehre wurde er schnell Vorarbeiter. Er trat im April 1930 in das schon damals bekannte Baugeschäft Heinrich Hatt-Haller in Zürich ein. Diese Firma hatte auch den Zuschlag für die Erstellung und technische Leitung des Völkerbundpalastes in Genf (in dem heute der europäische Sitz der UNO untergebracht ist) erhalten. Schon bald avancierte er zum Polier und war später bei vielen grossen Bauprojekten der damaligen Zeit als Chefpolier tätig (das Frachtgebäude am Flughafen Kloten, das erste Zürcher Hochhaus an der Bärengasse, das Hochhaus an der Gutstrasse). Ebenfalls als Chefpolier leitete er den Bau des Hauptgebäudes von Brown Boveri in Baden und des Prüfstollens für den Schiessbetrieb bei der Waffenfabrik SIG in Neuhausen am Rheinfall. Auch an mehreren Tunnel-, Strassen- und Brückenbauten war er beteiligt, und am Stollenbau in Ernen im Kanton Wallis.

Während des zweiten Weltkriegs war er am Bau der Sustenpass-Strasse beteiligt. Unter den Arbeitern befanden sich viele Ausländer, die in der Schweiz interniert waren und ihr Brot verdienen mussten. Bei vielen von ihnen handelte es sich um Akademiker, die mit ihren gepflegten weissen Händen „pickelten“ und „schaufelten“, wie mein Grossvater es nannte. Es beeindruckte ihn sehr, dass auch solche Leute „anpacken“ konnten, und er achtete sie. – Bei der Firma Hatt-Haller blieb mein Grossvater bis zu seiner Pensionierung.

Meine Grossmutter hatte er geheiratet, als er 19 Jahre alt war. Sie hiess Lina Maria Widmer, war 5 Jahre älter als er und entstammte einer Schweizer Familie, die zuerst in Kirchdorf/AG ansässig war und später nach Geroldswil/ZH zog. Sie war die älteste Tochter des Grossbauern Christian Widmer und der Lina Keller. Als mein Grossvater sie kennen lernte, war sie als Fabrikarbeiterin in einer bekannten Dietikoner Weberei beschäftigt. Mein Grossvater, der besser Schweizerdeutsch als Italienisch sprach, wirkte sehr südländisch und besass ein südländisches Temperament. Damals erlagen viele Schweizer Frauen dem Charme der Italiener. Die zurückhaltenden, eher biederen Schweizer Männer reagierten darauf oft mit Eifersucht. Das lebhafte Temperament war ihnen fremd; die intensive Gebärdensprache empfanden sie als bedrohlich. Für sie war eine normale italienische Unterhaltung nur schwer von einem Streit zu unterscheiden. Aus dieser Zeit stammt der Übername „Tschingge“ für alle Italiener. Sie spielten gern ein Spiel „La Mora“, bei dem es darum ging, zu erraten, wie viele Finger sie gleich vorstrecken würden. Den Schweizern blieb vor allem das Wort „cinque“ in den Ohren, weil es die andern Zahlen (uno, due, tre, quattro bis dieci) übertönte. Sie nannten deshalb die Italiener kurz gefasst „cinque“ oder – in der Schweizer Aussprache – „Tschinggä“.